Geschichte

20 Jahre Hospizbewegung St. Josef 1991 – 2011
U
nser Weg geht weiter

Vor 20 Jahren reifte bei einer Initiativgruppe in Friedrichshafen die Idee, mit der Hospizarbeit zu beginnen und langfristig ein Hospiz zu schaffen. Bevor auf die Anfänge und die Entwicklung der ins Leben getretenen Hospizbewegung eingegangen wird, soll zunächst etwas über die Hospizidee gesagt werden.

Unser Leben in der heutigen Zeit ist gekennzeichnet von Trennungen: Trennungen gibt es dabei in allen Lebensbereichen, Ehen werden geschieden, Partnerschaften beendet und Familien brechen auseinander. Dazu gehört auch die Frage nach Sterben, Tod und Trauer – und deren angemessener Bewältigung. Früher starb man doch ganz selbstverständlich dort, wo man auch zu leben verstand. Und jedem drängt sich doch wohl die Frage auf, was wird einmal mit mir geschehen?

Hospizgedanke – Hospizidee

Ein Blick in die Geschichte zeigt uns, dass der Begriff „Hospiz“ bis in die Frühzeit des Christentums zurückreicht. Ein Hospiz war damals ein Rasthaus für Pilger, für Reisende, für Fremde aber auch für Mittellose und Kranke. Die großen Mönchsorden und die Städte haben Hospize gebaut. Sie standen für alle offen, und schon im Mittelalter gab es diese Hospize in ganz Europa. Auch die heutige Hospizbewegung hat einen christlichen Ursprung, denn schon im 19. Jahrhundert haben sich irische Schwestern die Pflege und Sorge um Sterbenskranke zur Aufgabe gemacht und ihrem Haus den Namen „Hospiz“ gegeben, weil sie den Tod nicht als Ende verstanden, sondern als Durchgang, als Reise in das Land des Lebens. Das Hospiz sollte dem Wanderer und Pilger auf dieser Reise Rast und Hilfe geben. Die Hospizbewegung der Gegenwart nahm ihren Ausgang von England und den USA. Bei einem schwer- bzw. sterbenskranken Menschen stehen zwei Grundängste im Vordergrund, nämlich die Angst vor unerträglichen Schmerzen und die Angst vor dem Alleinsein in den letzten Tagen und Stunden. Genau hier liegen die Ansatzpunkte für die Hospiz­arbeit: der aktiven Sterbehilfe, die abzulehnen ist, wird die Schmerztherapie, die Palliativmedizin entgegengesetzt. Damit ist ein sehr hoher Prozentsatz aller Endphasen von Krankheiten beherrschbar. Immer mehr Menschen sind in ihrer letzten Lebensphase allein, ohne Betreuung durch Angehörige und Freunde oder gerade sie sind alters- oder krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage, den Sterbenden zu begleiten. Hier beginnt wieder eine elementare Aufgabe der Hospizarbeit, nämlich den Sterbenden menschlich zu begleiten. Der Hospizgedanke zielt gerade auf Begleitung des Sterbenden, um ihm sein Sterben in Würde zu ermöglichen und lehnt die „aktive“ Sterbehilfe ab.

Die ersten Schritte – ein Verein entsteht

Ende der 80er Jahre im letzten Jahrhundert fand sich eine Initiativgruppe zusammen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Hospizidee in Friedrichshafen Realität werden zu lassen. Dazu gehörten die beiden Krankenhausseelsorger, Diakon Bernd Strohmaier und Pfarrer Klaus Brune, Sr. Maria Veronika von der Kath. Sozialstation, Dr. Hildegard Warzecha aus Langenargen,Dr. Eberhard Ehmann aus Immenstaad, Dr. Ulla Winkler, sowie Sr. Aquina, Sr. Ludbirgit, Manfred King, Norbert Schuster und  Berthold Biegger von der Stiftung Liebenau und der Verfasser dieses Artikels. Die Arbeit dieser Gruppe wurde von Anfang an von der Stiftung Liebenau ideell und materiell unterstützt, die Treffen der Gruppe konnten im Pavillon am See beim früheren St. Antonius stattfinden. Man wollte mehr über die Hospizarbeit in der Praxis erfahren und so lud die Stiftung Liebenau zu einer gemeinsamen Fahrt in das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder nach München ein, wo damals schon ein Hospiz bestand. An dieser Fahrt nahmen u.a. auch der Vorstand der Stiftung Liebenau, Msgr. Norbert Huber, der Sozialdezernent des Bodenseekreises Egon Stoll und Wilma Heiliger von. der Stadt Friedrichshafen teil. Die Besichtigung des Hospizes in München unter der fachkundigen Führung ihres Leiters Dr. med.  Binsack ließ den Funken auf die Teilnehmer überspringen und schon auf der Heimfahrt wurde im Bus über die Gründung eines Vereins mit dem Namen „Hospizbewegung St. Josef“ laut nachgedacht. Kurz darauf erfolgte am 27.September 1991 die Vereinsgründung. Der Verein wurde in das Vereinsregister beim Amtsgericht Tettnang eingetragen und erhielt die Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt. Heute zählt der Verein 240 fördernde Mitglieder.

Aufbauarbeit – Vereinsaufgaben – Vorstand

Die Aufbauarbeit und die laufende Vereinsarbeit war und ist nur möglich durch Spenden, die dem Verein zufließen. Ein Rück­blick auf die vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass die Hospizidee und die Hospizarbeit anerkannt wurde und dem Verein von vielen Einzelpersonen, von Firmen, von Organisationen und Vereinen, auch von der Kommune und von der Wirtschaft beachtliche Spenden zugeflossen sind, für die auch an dieser Stelle herzlich gedankt wird.

Die Vereinssatzung, ergänzt am 14.09.2001 durch den Zusatz „Förderverein für das stationäre Hospiz“ sieht folgende Arbeitsschwerpunkte vor:

  • Der Hospizgedanke ist durch entsprechende Öffentlichkeits­arbeit wach zu halten,
  • Helferinnen und Helfer zur ehrenamtlichen Mitarbeit suchen und schulen,
  • Aufbau einer ambulanten Hospizarbeit,
  • Unterstützende Mitarbeit im stationären Hospiz,
  • Spendenwerbung und Spendenweitergabe für das stationäre Hospiz, so lange dieses nicht kostendeckend betrieben werden kann,
  • Begleitende Trauerarbeit mit Angehörigen.

Dem derzeitigen Vorstand der Hospizbewegung gehören an: Brigitte Tauscher-Bährle als Vorsitzende, Dr. Elvira Kern-Nagel als stellvertretende Vorsitzende, Manfred Gessler als Schatzmeister, Sigrid Böhler als Schriftführerin, Pfr. Rudolf Bauer (katholisch) und Pfr. Harald Kuhnle (evangelisch)  als Vertreter der Kirchen.

In den zurückliegenden Jahren wurden Vorstandsaufgaben auch wahrgenommen von Berthold Biegger, Klaus Brune, Wilma Heiliger, Mechthild Müller-Bay, Dekan i.R. Werner Müller-Bay, Otto Saur, Diakon Bernd Strohmaier und Pfr. Alfred Vögele.

Die Hospizarbeit beginnt

Der neu entstandene Verein hat sich am 8.November 1991 in einem Hospiztag der Öffentlichkeit vorgestellt, wozu Vertreter aus dem Gesundheits- und Sozialbereich und die Allgemeinheit eingeladen waren und Dr. Thomas Binsack aus München mit seinem Vortrag Interesse und Begeisterung hervorrufen konnte. Spontan wurden in dieser Zeit mehr als 100 Mitglieder gewonnen, eine willkommene Spendenbereitschaft war festzustellen und die Stiftung Liebenau stellte einen Büroraum im Pavillon am See für eine Anlauf- und Beratungsstelle zur Verfügung. Mit großem Engagement haben sich für diese Arbeit über lange Zeit Dr. med. Ulla Winkler, Dr. med. Renate Martin und Sibil Morgenstern zur Verfügung gestellt.

Primäre Aufgabe war jedoch, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die begleitende Hospizarbeit zu gewinnen. Damit sollte ein ambulanter ehrenamtlicher Dienst für Besuche und Sitzwachen zu Hause in den Familien, in Heimen und im Krankenhaus geschaffen werden. Die Vorbereitung erfolgte in offenen Abend­- und Wochenendseminaren. Es handelte sich um ein offenes Angebot, wo die Teilnehmer erst am Schluss die Entscheidung trafen, ob sie sich für diese ehrenamtliche Arbeit engagieren wollten und konnten. In diesen Vorbereitungswochen wurde über die Aufgaben ehrenamtlicher HospizhelferInnen referiert. Eine Gruppe von rund 20 ehrenamtlichen Mitarbeitern hat sich zur Verfügung gestellt und wurde entsprechend eingesetzt. Dieser ehrenamtliche Dienst wird nunmehr seit zwei Jahrzehnten wahrgenommen, es ist ein ehrenamtlicher Dienst ohne jede Vergütung (nur mit Auslagenersatz) mit einer versicherungsmäßigen Absicherung bei Unfall. Alle ehrenamtlich Tätigen unterliegen der Schweigepflicht, wie sie im ganzen medizinischen Bereich üblich ist. Kein ehrenamtlicher Mitarbeiter ist zu einem Einsatz verpflichtet, er wird angefragt und kann auch ohne Begründung „nein“ sagen, denn es kann auch Momente geben, wo die innere Kraft für die Übernahme der nicht leichten Aufgabe zur Sterbebegleitung einmal fehlt. Durch weitere Einführungs- und Informationsabende konnten immer wieder weitere ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gewonnen werden. Heute ist ihre Zahl auf 39 angewachsen.

Zur Hospizarbeit gehört auch die begleitende Trauerarbeit für Angehörige. Gesprächsangebote und Gruppenzusammenkünfte sind gerne angenommen worden und seit Mai 2006 öffnet das Trauer­cafè „Lichtblick“ zweimal monatlich die Türen für trauernde Menschen. Daneben gibt es Gesprächs- und Begleitungsangebote für verwaiste Eltern sowie ein monatliches Angebot für Verwitwete im mittleren Lebensalter.

Die Tageszeitungen haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder über die Aktivitäten des Vereins berichtet. Zu seiner Öffentlichkeitsarbeit gehören auch Informationsveranstaltungen und Vorträge in Gemeinden, Organisationen, Gruppen, und Schulen. Mit Ärzten, Krankenhäusern und Heimen wurden Kontakte aufgenommen und gepflegt.

Das stationäre Hospiz im Franziskuszentrum

Von Anfang an hat es zur Zielsetzung der Hospizbewegung gehört, in Friedrichshafen ein stationäres Hospiz zu schaffen. Dabei hat sich die Zusammenarbeit mit der Stiftung Liebenau geradezu angeboten, weil zu diesem Zeitpunkt auch die Planung für das heute bestehende Franziskuszentrum begann. Bei der Stiftung Liebenau bestand dabei immer die Bereitschaft, eine solche Einrichtung zu schaffen und in die Planung einzubeziehen. Die Stadt Friedrichshafen und auch der Bodenseekreis haben dieses Vorhaben begrüßt. Die Hospizbewegung gab schließlich auch bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart den Anstoß, das Vorhaben finanziell mitzutragen. So kam es, dass von dort ein ganz beacht­licher Zuschuss zu den Investitionskosten gewährt wurde.

Die Arbeit in einem stationären Hospiz bzw. die dabei entstehenden Kosten waren in keinem Sozialgesetz abgesichert, man musste davon ausgehen, dass der Patient auf Mietbasis ein Zimmer im Hospiz bezieht, dort also eine eigene Wohnung nimmt, diese selbst ausstattet und von ambulanten Diensten, vom Hausarzt, von Angehörigen und Bekannten und von ehrenamtlichen Hospizmitarbeitern betreut wird. Dafür standen ab Frühjahr 1996 Plätze zur Verfügung, doch muss im Rückblick erkannt werden, dass sich dieses Modell nicht bewährt hat und nach kurzer Zeit aufgegeben wurde.

Ab 1. Juli 1996 wurde erstmals im Sozialgesetzbuch verankert,
dass die Krankenkassen für Hospizgäste einen Zuschuss zu gewähren haben. Damit entstand für das stationäre Hospiz erstmals eine feste, verlässliche, finanzielle Grundlage. In einer Rahmenvereinbarung zu dieser neuen Gesetzesbestimmung wurden die Grundvoraussetzungen für die Aufnahme in eine stationäre Hospizeinrichtung wie folgt festgelegt: „Es soll sich um Patienten handeln, deren Erkrankung progredient verläuft und dein weit fortgeschrittenes Stadium erreicht hat, bei der eine Heilung ausgeschlossen und eine palliativ-medizinische Behandlung notwendig oder erwünscht ist, die lediglich eine begrenzte Lebenserwartung von Wochen oder wenigen Monaten erwarten lässt und nur so lange eine Krankenhausbehandlung nicht erforderlich ist.“

Nachdem die Krankenkassen das Hospiz im Franziskuszentrum anerkannt hatten und die Tagessatz-Verhandlungen abgeschlossen wurden, konnte Ende Juli 1998 ein neuer Start mit größerer Zuversicht als 1996 begonnen werden. Und dieser Start ist gelungen! Seither befanden sich 1011 Gäste bzw. Patienten im Hospiz und wurden bis zu ihrem Tode betreut und gepflegt. Das Hospiz mit seinem festen Mitarbeiterteam und den vielen ehrenamtlichen Helfern von der Hospizbewegung haben dafür sowohl von den Gästen und ebenso von ihren Angehörigen und Freunden hohe Anerkennung und Dankbarkeit erfahren. Dies hat sich oft auch dadurch ausgedrückt, dass aus dem Familien- und Bekanntenkreis nach dem Ableben eines Angehörigen Spenden getätigt wurden oder in Todesanzeigen darum gebeten wurde, statt Blumen und Kränzen eine Spende für die Hospizarbeit zu machen. Dieser zweite Start wurde durch eine namhafte Spende mit 500.000 DM durch die Wagner-Stiftung erleichtert. Der damalige Spendenbetrag ist inzwischen dem Kapitalstock der Christlichen Hospizstiftung zugeflossen. Das Hospiz bietet heute zehn Plätze an, wobei auch die Möglichkeit besteht, dass Angehörige des Hospizgastes zeitweise dort wohnen bzw. auch übernachten können, um in seiner Nähe zu sein.

Die Hospizbewegung als Förderverein und die Christliche Hospizstiftung

Es ist eine gesetzliche Vorgabe, dass bei den abrechenbaren Tagessätzen davon ausgegangen wird, dass 10% der Kosten durch Spenden und ehrenamtliche Mitarbeit erwirtschaftet werden. Der Tagessatz geht ferner von einer bestimmten prozentualen Auslastung der vorhandenen Plätze aus und gibt einen Personalschlüssel vor, der zu der von der Hospizbewegung gewünschten optimalen menschlichen Betreuung nicht ausreicht. Deshalb ist das stationäre Hospiz auf Spenden angewiesen, die sich die Hospizbewegung als Förderverein für dieses Hospiz von Stadt, Landkreis, Kirchen, Wirtschaft, Industrie und von weiteren Gönnern erbittet und auch erhält, was dankbar festzustellen ist. Kein Hospiz in unserem Land kommt ohne solche Zuwendungen aus.

Eine weitere Säule der finanziellen Absicherung wurde mit der im Januar 2005 gegründeten Christlichen Hospizstiftung geschaffen, in die sich auch die Hospizbewegung eingebracht hat. Diese Stiftung ist mit einem Kapitalstock von rd. 500 000 EURO gestartet, der sich bei heute durch Zustiftungen auf rd. 1,2 Millionen EURO erhöht hat. Die jährlichen Erträgnisse daraus stellen einen wichtigen Sicherheitsfaktor für das Hospiz im Franziskuszentrum und für die Hospizarbeit dar.

Otto Saur
November 2011

 

 

 

Hospizbewegung St. Josef Friedrichshafen e.V.